Franz Küllinger, Pfarrassistent.
„Einer ist unser Leben, Licht auf unseren Wegen. Hoffnung, die aus dem Tod erstand, die uns befreit!" Es wird „fetzig herüber kommen", wenn wir diese Textzeile von Lothar Zenetti am Gründonnerstag singen - eingebettet in rockigen Gitarrensound, rhythmisch vom Schlagzeug angetrieben. Dynamisch wird der Chor den Text unterstreichen, der allein durch einen Taktwechsel am Übergang von Strophe zu Refrain und einem mehrmaligen Durchbrechen der exakten Takteinheiten bei den Strophen sehr kraftvoll wirkt. Es ist, als sprenge das, was Zenetti hier formuliert, den Rahmen des ganz Normalen. Es fällt tatsächlich aus dem Takt, hat eine innere Kraft, die äußere (Takt-)Grenzen übersteigt.
Weil es eben ein Hit ist (auch wenn es aus den pausenlosen Hitprogrammen ausgespart bleibt), dass da Einer unser Leben will - und nicht nur unser Überleben. Und dass ER, der Eine, dafür alles einsetzte, zuletzt sein Leben. Damit auch wir leben - ein Leben, das diesen Namen verdient. Und dass der Eine Hoffnung ist, die aus dem Tod erstand, ist so wohltuend anders, als all die weltlichen „Hoffnungsträger", die (siehe Libyen und anderswo) um der eigenen kleinen Hoffnung wegen eher Menschen in den Tod bomben, als ihnen tatsächlich Hoffnung zu eröffnen.
Wenigstens in der Kirche soll es erklingen, so vielstimmig und kraftvoll als nur möglich. Damit es sich einnistet in den Herzen der Mitfeiernden. Und dann mit ihnen hinaus gehen kann, weit über die Grenzen der Kirchenmauern. „Einer ist unser Leben, Licht auf unseren Wegen". Schön, wenn wir als Chor viele anstecken können mit dieser Frohen Botschaft. Zu Recht schweigen daher am Gründonnerstag wir Prediger, damit Musik und Gesang mehr Raum haben, die Botschaft Ton um Ton auszusenden ...
Franz Küllinger, Pfarrassistent.
Singen befreit. Da darfst Du Energie ablassen.
Mitunter heraus schreien, was sich Innen staut. Singen heißt loslassen. Da
heißt es, Töne freizugeben. Auch auf die Gefahr hin, dass sie falsch kommen
(zumindest nicht so, wie es die Noten vorsehen oder der Chorleiter hören will).
Wer singt, hält nicht zurück. Singen ist vielmehr ein großzügiges Freigeben und
Weiterschenken. Und ein Vertrauen darauf, dass beim Hörer was ankommt,
vielleicht auch etwas bewegt wird. Singen und Hören als ein Loslassen und
Gelöst-Werden.Singen befreit.
Freilich
wird darin auch die Rückseite der Freiheit sichtbar: was Du gesungen hast,
kannst Du nicht mehr einfangen. Das ist „draußen". Es ist hörbar geworden. Und
auch den Einsatz zur unrechten Zeit kannst Du nicht mehr zurücknehmen. Wer frei
lässt, ist auch verantwortlich für das, was er freigelassen hat. Doch nur so
kann eben der freie Mensch aktiv sein Leben gestalten. Wer nicht singt, kann
auch keinen falschen Ton singen. Aber die Welt ist um ein Lied ärmer. Wenn
wir Anfang März im Liederzyklus „MOSE" vom „Abenteuer Freiheit" singen, so
klingt dort in Text und Lied all das ausdrücklich an. Eine bewegte Geschichte
wird dabei erzählt, die nicht nur auf das Volk Israel zurück schaut, sondern
immer auch unsere Geschichte ist. Wer singt, wagt die Freiheit. Und er übt
Schritte der Freiheit über das Singen hinaus. Franz
Küllinger, Pfarrassistent.
Zum Neujahr 2011
Die Engel musizieren. Sowohl in der Bibel, als auch in den Krippen. Als würden Engel und die Musik ganz einfach zusammen gehören. Offensichtlich können sie mit der Musik tatsächlich besser und klarer vom Himmel erzählen, als nur mit der Sprache. Und so singen sie drauf los, „Halleluja" in der Osterzeit, und zur Weihnacht eben „Gloria".
Freilich, ob die Engel alte Kirchenmusik bevorzugen oder mehr auf Swing schwören, ist nicht überliefert. Auch wenn sich die Krippendarstellungen deutlich Richtung Harfe und Flöte festgelegt haben - warum eigentlich nicht einmal Schlagzeug oder E-Gitarre, damit die Hirten auch wirklich munter werden? Wir im Chor singen zur Sicherheit aus möglichst unterschiedlichen Musikstilen. Und mir scheint, die Engelstöne werden überall hörbar.
Wenn ich am Übergang von einem Jahr auf ein Neues stehe, dann fällt mir unwillkürlich diese Kraft der Musik und des Gesanges ein: sie möchte ich in einem neuen Jahr auf keinen Fall missen. Darum stoße ich auf ein „klangvolles Jahr 2011" an.
Nur um eines beneide ich die Engel schon irgendwie - vor allem, wenn auch nach gehöriger Anstrengung die Töne nicht und nicht richtig kommen: denn bei Engeln hört man nichts von mühsamen Proben und doch singen sie immer richtig. Aber vermutlich eröffnet sich uns diese Fertigkeit erst nach dem Tod: und dann prob ich lieber doch noch eine Weile weiter, jeden Dienstag um Halb Acht ...
Franz Küllinger
Auf Christkönig zu:
Zum 15-jahr Jubiläum unserer Kirchweihe üben wir eine lateinische Messe ein. Schwungvoll reimen wir da in kräftigem Forte „Laudamus te" auf „Glorificamus te", um dann etwas später - und in der Probe noch im unsicheren Piano - „suscipe deprecationem nostram" anzufügen, und das auch noch in bewusster Punktierung ... Zugegeben, für uns alle etwas suspekt!
Und doch ereignen sich dabei im Singen wunderbare Stimmungen, die das Geboren Werden („incarnatus est") vom Sterben („passus est") in Klangfarbe und Dynamik voneinander abheben und doch auch wieder zusammen halten. Da schwebt erneut die Engelsstimme im „Gloria judicare" über allem, und dort moduliert das Schuldbewusstsein („in remissionem peccatorum") die Dur-Harmonie in Moll-Akkorde. Und sooft wir auch „Amen" singen - das ist übrigens weder Lateinisch noch Deutsch! - es klingt immer wieder anders, und doch irgendwie „verwandt".
Letztlich kennt die Musik keine (Fremd-)Sprache, entwickelt sie doch eine ganz eigene Sprache, die übliche Sprachbarrieren spielerisch überwindet. Musik „spricht" an (oder wir finden sie „ausgesprochen schlecht"), unabhängig davon, ob wir den Text oder die Intention des Komponisten verstehen oder nicht. Und Musik verbindet. Wer gemeinsam singt, weiß das und schätzt das. Und das ist es mir wert, jeden Dienstag Abend für den Chor zu reservieren ...
Franz Küllinger
Wie soll der singen, der völlig außer Atem ist? Und was könnte denn Töne erzeugen, wenn einem die Luft ausgeht? Da reimt sich keine Melodie zusammen, wenn der Lebensrhythmus so eng wird, dass unser Atmen zum Hecheln verkommt. Da bleiben uns wortwörtlich die Töne im Hals stecken, wenn keine Zeit bleibt, um den Atem auch frei strömen zu lassen. Ob deshalb in unserer Zeit so wenig gesungen wird?
Singen braucht Zeit, braucht freie Zeit. Dabei gäbe es auch an einem Dienstagabend immer was Wichtiges zu tun. Wir aber tun nichts von all dem Wichtigen, weil wir zur Probe kommen, und dort eben nichts weiter tun, als zu singen (und vielleicht noch ein bisschen zu tratschen). Doch aus meiner Erfahrung ist diese Zeit des Singens nie verloren, vielmehr immer ein Gewinn.
Singen heißt eben, sich Zeit nehmen, um Luft durch seine Kehle fließen zu lassen. Das hält den Atem frei und reinigt bis in die Tiefen. Singen heißt dann auch Zeit zu gewähren, bis die Töne so kommen, dass sie sich zu Melodien finden können. Das macht frei auch für den Atem und die Gedanken anderer, es macht frei für Zusammenklang und mehrstimmiges Leben. Und Singen heißt, sich soviel Zeit zu lassen, bis mich der Rhythmus eines Liedes erfüllen und sogar tragen kann. Das lässt loskommen von vielen Zwangsrhythmen, die mich im Alltag oft nicht loslassen wollen. Ja, manchmal begleitet mich tatsächlich manches Lied weit in den Alltag hin und lässt mich dort aufatmen. Singen sollte es eben auf Rezept geben!
Ich schreibe diese Zeilen unmittelbar vor dem Urlaub und spüre dabei die Sehnsucht nach frischem Atem. Die Arbeit ist schön und gut - und ich tue sie wirklich gerne und mit großer Freude. Aber die Erlaubnis zur Nichtarbeit im Urlaub ist schon eine tolle Errungenschaft, die ich gerne und großzügig genieße. Damit ich wieder ganz frei werde, nicht nur für die Dienstagabende bei der Probe. Aber auch dafür.
Franz Küllinger, Pfarrassistent.
Als Sänger kommst Du ohne Instrument aus. Natürlich nur oberflächlich betrachtet. Denn das Instrument des Sängers ist seine eigene Stimme. Insofern hat der Sänger nur den Vorteil, dass er sein Instrument immer mit dabei hat. Und an „Verstimmungen" haben nicht die schwankenden Raumtemperaturen Schuld, sondern eher die ins Schwanken geratene Lebensführung: „übernächtig" singt sich meist nicht besonders gut...
Ein sensibles Instrument ist die Stimme allemal. Und schnell sind die zarten Stimmbänder angekratzt. Die Stimme stürzt ab, oder die durchströmende Luft formt sich zu eigenartigen Geräuschen. Oft kennen wir ja auch keine Schonung mit den Stimmbändern: wo es ohnehin laut ist, schreien wir noch lauter drüber; wo Schweigen angepasster wäre, quasseln wir unentwegt; wo eine ruhige Tonlage wohl täte, drücken wir mit voller Kraft drauf. Wenn ich zuschaue, wie etwa manche Gitarristen ihre Gitarre liebevoll behandeln und wie kostbare Bratschen und Geigen gepflegt und eingespielt werden, hat offensichtlich das Instrument Stimme noch nicht überall den notwendigen Stellenwert (man sieht sie halt auch nicht und kann sie in keinen samtbezogenen Instrumentenkasten legen...).
Mir tut es gut, wenn wir im Chor immer wieder bewusst auf die Stimme schauen: wenn wir uns einsingen und unsere Stimmbänder langsam auf Touren bringen; wenn wir beim Singen auch auf die anderen hören (und nicht nur lautstark den eigenen Beitrag deponieren); wenn wir gemeinsam die Wohltat leiser Klänge entdecken (ohne dabei die Spannung zu verlieren); wenn wir auch den Pausen trauen und sie als wichtigen Teil der Musik erahnen. Muss ich es noch eigens sagen, dass all das, weit über das Singen hinaus, bestes Lebenstraining ist?
Franz Küllinger, Pfarrassistent.
„Lass mich deine Leiden singen", so beginnt ein Lied, das früher in der Passionszeit auf und ab gesungen wurde. Es ist ein Lied aus der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts, getragen vom Empfinden der damaligen Zeit, geprägt auch vom geistlichen Klima dieser Epoche. Eben ein „neues geistliches Lied", das schon kräftig den Wind der Romantik spürt. In der Theologie hatten die Aufbrüche der Aufklärung noch gar nicht recht gegriffen, da kam der neue Schwung romantischer Gegenwelten gerade recht, der wieder verstärkt die Innerlichkeit pflegte. „Präge, Herr, in unsre Herzen / all dein Leid und deine Schmerzen", heißt es nicht umsonst im Refrain des angesprochenen Liedes.
Wir Heutigen tun uns schwer, solche Lieder zu singen. Zu nüchtern und abgeklärt ist unser Weltbild - auch wenn hinter den Fassaden manch „Biedermeierliches" in unseren Lebenswelten auftaucht. Die Musik unserer Zeit nähert sich ganz anders dem Leid - sie hat auch ganz andere Zugänge zur Leidengeschichte Jesu. Wer etwa eine Passion Avo Pärts hört, spürt förmlich den Frost, die Kälte, die Widerwärtigkeit der Leiderfahrung. Spannungen werden hörbar gemacht, jenseits des wohlig Harmonischen. Vertraute Ordnungen werden in Text und Musik quergebürstet. Im Chor sagen wir dann „ein schräger Satz", oder „ein echter Freudenthaler"...
Im geistlichen Lied der Moderne sollte das Protestlied Einzug halten. Auflehnung gegen das Leid war angesagt - auch im Lied. Gott wurde wiederentdeckt als einer, der leidenschaftlich auftritt gegen jede Knechtung. Sprachordnungen wurde durchbrochen, Musiknormen gesprengt. Die 1970iger und 1980iger Jahre waren diesbezüglich eine fruchtbare Zeit. Der Schwung scheint abgeschwappt. Das geistliche Lied hat den Anschluss an die Zeit danach verpasst. Schön, wenn wir im Alle-Heilige-Zeiten-Chor immer auch gegen diesen Trend ansingen und uns „zeitgenössische Literatur" geben. Wir halten damit die Frohe Botschaft lebendig auch für unsere Zeit ...
Franz Küllinger, Pfarrassistent.
„Weil Gott in tiefster Nacht erschienen", so heißt ein Lied, das unser Chor gerne zur Weihnachtszeit singt. Die „tiefste Nacht" erleben Menschen immer wieder - auch mitten am Tag: wenn sie ihre Arbeit verlieren, wenn Beziehungen zerbrechen, wenn sie Krankheit zermürbt. Gegen solche Nachterfahrungen anzusingen, ist eine der kostbarsten Aufgaben und Geschenke eines Chores.
Worte reichen nie aus, wenn es darum geht, in das erfahrene Dunkel einen Schimmer Licht zu bringen. In der Verbindung mit der Musik und im Zusammen von Sprache und Tönen kann auf ganz tiefe Weise im Menschen etwas zu schwingen beginnen: auch von Erlösung mitten in der Ausgesetztheit. Und der „von den Rätseln Müde" (wie das Lied es ausdrückt), entdeckt in sich auch andere Bilder, hellere und lichtere.
„Weil Gott in tiefster Nacht erschienen, kann unsere Nacht nicht endlos sein". Mir ist dieser Refrain zum liebsten Weihnachtslied geworden, mehr als alle „stille Nacht". Und ich freue mich, wenn wir im Chor dieses Liedblatt wieder zur Hand nehmen. Ob auch der Engelsgesang am Hirtenfeld so angerührt hat? Sicher, sonst säßen die Hirten noch ungerührt am Feld - und wir ungetröstet in „tiefster Nacht"...
Franz Küllinger